Arno Beck

Mehrsinnige Bilder in einer digitalen Welt - Robert Fleck

 

Seine Grafiken hinter Glas gleichen Gemälden, erweisen sich bei näherem Hinsehen aber als Holzschnitte besonderer Art.

Sie weisen die gedämpfte Farbigkeit des Abdrucks eines Druckstocks auf einer Papierfläche auf, aber auch eine ungemein breite chromatische Palette aus 32 Farbtönen. Die Gegenstände auf den Bildern haben etwas Nostalgisches, ob es sich um Lautsprecher und Verstärkeranlagen aus den achtziger Jahren handelt oder um Pfeile von Maustasten, wie die Bildschirme von Apple-Computern sie in den neunziger Jahren aufwiesen. Ihre faszinierende Intensität erreichen die neueren Bilder von Arno Beck durch den Umstand, dass sie in radikaler Weise »gepixelt« sind, aus unzähligen einzelnen farbigen Punkten bestehen, die das Auge weder nach und nach zu erfassen noch zu überblicken vermag, sodass eine zugleich statische und instabile Bildwahrnehmung entsteht, die derjenigen auf den Bildschirmen unserer gegenwärtigen Alltagswahrnehmung entspricht, in denen es allerdings die Dauerhaftigkeit, die farbliche Feinabstufung und den metaphorischen Wirklichkeitsbezug traditioneller Malerei wiederfindet.

 

Arno Becks künstlerisches Denken kommt seit Kindheitstagen aus der Malerei. Das Verlangen, die Bildschirmwelt unserer Gegenwart mit malerischen Mitteln in die Hand zu bekommen, führte ihn im letzten Jahr seines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf bei Markus Lüpertz und Eberhard Havekost einerseits zur Übernahme der groben Rasterung digitaler Bilddaten in jener Art, wie die gleichsam primitiven Videospiele seiner Kindheit und Jugend sie aufwiesen

(die 32 Farbtöne seiner aktuelle Holzschnitte entsprechen der Farbpalette der 1998 verlegten Spielkonsole »Gameboy Color«), und andererseits zum Aufgreifen der Holzschnitttechnik, der ältesten grafischen Drucktechnik überhaupt, in einer aus dem digitalen Zeitalter heraus neu gedachten Form. Über unzählige Versuchsanordnungen hat Arno Beck Holzklötzchen von 1,25 cm im Quadrat für seine Bilder gewählt, die das Auge des Betrachters wie »Rasterpunkte« wahrnimmt und zugleich einzelne, monochrome Farbflächen bilden, deren Zusammenwirken den malerischen Gesamteindruck ergeben. In den ersten großformatigen Holzschnitten von 170 × 120 cm legte der Künstler fast 12 000 einfarbig bestrichene Holzklötzchen auf eine Fläche, die er

– aus technischen Gründen auf vier Papierflächen, die anschließend zusammengefügt wurden – wie einen traditionellen Holzschnitt mit einer Druckerpresse bedruckte. Im Gegensatz zum herkömmlichen grafischen Verfahren handelt es sich nicht um eine Auflagenarbeit, sondern jeweils um Originale, da das »Puzzle« aus unzähligen Holzklötzchen sich auflöst, sobald er das Papier von ihm ablöst.

 

Arno Becks Malereien per Druckverfahren auf Papier sind durchwegs mehrsinnige Bilder, in denen die digitale Welt unserer Gegenwart die kunsthistorische Tradition gleichsam dazu heranzieht, über sich selbst nachzudenken, einigen Abstand zu sich selbst zu gewinnen (deshalb auch die bewusst etwas nostalgischen Motivkollagen aus der digitalen Zeichensprache der achtziger und neunziger Jahre und die organische Lebendigkeit der hölzernen Quadrate gegenüber der digitalen Kälte elektronischer Pixel) und eine Brücke hin zu einer neu aufgefassten Malerei zu bauen. Seit den ersten fünf großformatigen Originaldrucken, die seine Abschlussarbeit an der Kunstakademie im Februar 2015 prägten, hat der Künstler, dank des Jahresstipendiums der BEST GRUPPE zum ersten Mal full time und in einer neu eingerichteten Druckwerkstatt arbeitend, sein Werk intensiviert und in erweiterte, Figuralität und Abstraktion verbindende Bereiche geführt. Sowohl in koloristischer Hinsicht als auch bezüglich der Formate ergab sich in den letzten Monaten eine nachhaltige Erweiterung und Öffnung seines Werks, das in der Ausstellung in Düsseldorf ihm auch selbst erstmals in dieser Vollständigkeit gegenübertritt. Diese Umstände alleine erweisen bereits den hochgradigen Nutzen dieses Jahresstipendiums der BEST Gruppe für vielversprechende, angehende Künstler am Ende ihres Studiums.

 

In den letzten Monaten hat Arno Beck auch den zweiten Aspekt seiner Abschlussausstellung vom Februar 2015, die »Schreibmaschinenzeichnungen «, radikal geöffnet. Dabei handelt es sich gleichfalls um ein Druckverfahren, das zur Anfertigung von Malerei anderer Art umfunktioniert wird. Die zuvor auf dem Computer collagierten und zusammengestellten Motive »tippt« der Künstler buchstäblich auf einer Schreibmaschine auf hochwertiges Grafikpapier, sodass jeder Anschlag auf der Schreibmaschine ein pixelartiges Zeichen ergibt und das Bild sich nicht aus kontinuierlichen Linien und Farbverläufen zusammensetzt wie traditionellerweise in der Malerei, sondern aus einzelnen Farbpunkten wie im digitalen Bild. Zugleich eignet besonders den neuen Schreibmaschinen-

zeichnungen eine besondere Poesie, die sich aus der scheinbar veralteten Technik ebenso speist wie aus dem souveränen Umgang mit der weißen Fläche des Bildträgers und mit scheinbar aus dem Gleichgewicht befindlichen Kompositionen. Die dritte Werkreihe in dieser Ausstellung ging vollständig aus den intensiven ersten Monaten dieses Jahresstipendiums hervor. In ihr löste sich Arno Beck sowohl von den traditionellen Mitteln der Malerei als auch von seiner eigenwilligen Aktualisierung Über das Werk des Holzdrucks. In einer wiederum zunächst am Bildschirm erarbeiteten Form zeigen die 42 × 42 cm kleinen Bilder mit dem Reihentitel »Error Dithering« Muster mit Fehlern, einen anderen Aspekt der digitalen Welt, und die Visualisierung von gezielt auf dieses Ergebnis ausgerichteten Algorithmen als eine neue, zeitgenössische Form des monochromen Bildes, eines wesentlichen Ausdrucksmittels der modernen Malerei. Das Motiv der scheinbaren Muster, die immer wieder abbrechen, zieht sich durch alle Arbeiten von Arno Beck ebenso wie die Technik der Sehstörung, die der Betrachter vor dem nur scheinbar gepixelten Bild erlebt. Sei es, weil die Holzklötzchen, die bei den großen Papierbildern als Druckstöcke dienen, im Gegensatz zu den Pixeln digitaler Bilder nicht ganz geometrisch ausliegen, sei es, weil die Plastikbügelperlen in den kleinen Arbeiten nur auf den ersten Blick ein perfektes regelmäßiges Muster ergeben und in Wirklichkeit lauter unterschiedlich ausgerichtete Punkte darstellen, kommt das Auge – anders als an den verführerischen, technischen Bildern unserer Gegenwart – bei den Arbeiten von Arno Beck beständig durcheinander. Arno Beck spielt in ebenso sensibler wie erfinderischer Weise nichtdigitale, traditionelle und handwerkliche Techniken der bildenden Kunst gegen die digitale Bildform der Gegenwart aus, deren Grammatik er zugleich beschreibt und der er in seinen eigenwilligen Bildern bewusst die Ehre erweist. Das Jahresstipendium der BEST GRUPPE hat dem jungen Künstler eine Intensivierung ermöglicht, die in dieser Ausstellung zum Ausdruck kommt.